Die Kinoeröffnung am neuen Ort ist der angemessene Rahmen, um eine Lücke in der hiesigen Wahrnehmung des italienischen Kinos zu schließen: Das Arsenal präsentiert in Kooperation mit dem Italienischen Kulturinstitut erstmalig in Berlin eine umfassende Retrospektive der Filme von Valerio Zurlini (1926–1982), der zwischen 1955 und 1976 mit acht Spielfilmen ein so überschaubares wie beeindruckendes Werk von großer Sensibilität und Intensität schuf. Obwohl Zurlini mit europäischen Stars arbeitete, blieb er ein Einzelgänger und Außenseiter der italienischen Filmindustrie. Seine zeitlosen, mit großer Sorgfalt inszenierten Filme sind geprägt von Menschlichkeit, emotionaler Tiefe und einer existentiellen Traurigkeit. Wiederkehrende Themen sind die Unmöglichkeit einer dauerhaften Liebesbeziehung, die Entfremdung von Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, Krieg, Einsamkeit und Verlorenheit.
Geboren 1926 in Bologna, kämpfte Zurlini zwischen 1943 und 1945 gegen die deutsche Besatzung. Der Krieg sollte später wiederholt in seinen Filmen eine bedeutende Rolle spielen. Nach der Befreiung studierte er Jura und Kunstgeschichte und wurde Regieassistent an einem Mailänder Theater. 1950 wandte er sich in Rom dem Film zu. Bis 1953 entstand ein Dutzend kurzer Dokumentarfilme, ehe er 1955 seinen ersten abendfüllenden Spielfilm, die Auftragsarbeit LE RAGAZZE DI SAN FREDIANO, drehen konnte. Als sein eigentliches Debüt betrachtete Zurlini ESTATE VIOLENTA (1959), die Geschichte einer unmöglichen Liebe vor dem Hintergrund des 2. Weltkriegs. In relativ kurzer Zeit folgten mit LA RAGAZZA CON LA VALIGIA (1961) und CRONACA FAMILIARE (1962) zwei weitere Filme, die die Schwierigkeit emotionaler Bindungen zwischen Menschen unterschiedlicher Sozialisation verhandeln. Danach wurden die Pausen zwischen den Filmen größer. In den verbleibenden zwei Jahrzehnten bis zu seinem frühen Tod 1982 drehte Zurlini nur noch vier Filme. Anlässlich der Veröffentlichung von Zurlinis letztem Film IL DESERTO DEI TARTARI schrieb Alf Bold 1977: „Valerio Zurlini ist einer der wenigen Regisseure, die nur dann Filme machen, wenn dies ausschließlich zu ihren Bedingungen möglich ist. Deshalb ist, ähnlich wie bei Dreyer oder Straub, die Filmografie an Zahl gering, an Qualität aber sehr beeindruckend.“
Programm
Fr, 8.5., 20 Uhr,
Eröffnung mit Einführung: Gerhard Midding
& Di, 19.5., 20 Uhr
ESTATE VIOLENTA Violent Summer
Valerio Zurlini I/F 1959 35 mm ital. OmeU 100′
Im Juli 1943 stößt der 18-jährige Carlo (Jean-Louis Trintignant), Sohn eines bekannten faschistischen Würdenträgers, dem er seine Befreiung vom Militärdienst verdankt, in Riccione zu Freunden, die ihre Ferien am Strand verbringen. Er verliebt sich in die 30-jährige Roberta (Eleonora Rossi Drago), deren kleine Tochter verschreckt durch ein tieffliegendes deutsches Jagdflugzeug in seine Arme läuft. Roberta hat ihren Mann im Krieg verloren und lebt bei ihrer Mutter – die den Umgang mit dem Sohn eines Faschisten nicht duldet. Die Geschichte einer unmöglichen Liebe zwischen dem Sturz Mussolinis am 25. Juli, dem Waffenstillstand mit den Alliierten am 8. September 1943 und der darauffolgenden Okkupation durch die Wehrmacht war einer der ersten italienischen Filme, der sich mit dem geschichtsträchtigen Sommer 1943 beschäftigte und gleichzeitig Valerio Zurlinis künstlerischer Durchbruch als Regisseur.
Sa, 9.5., 20 Uhr
LA RAGAZZE DI SAN FREDIANO The Girls of San Frediano
Valerio Zurlini Italien 1953 35 mm ital. OmeU 90′
Vorfilme:
SERANATA DA UN SOLDO
Valerio Zurlini Italien 1953 35 mm ital. OmeU 12′
SOLDATI IN CITTÀ
Valerio Zurlini Italien 1953 35 mm ital. OmeU 10′
LA STAZIONE
Valerio Zurlini Italien 1953 35 mm ital. OmfU 11′
LE RAGAZZE DI SAN FREDIANO: Der junge Mechaniker Andrea Sernesi – wegen der vermeintlichen Ähnlichkeit mit dem Hollywood-Star Robert Taylor „Bob“ genannt –, ist im florentinischen Stadtteil Borgo San Frediano ein berüchtigter Herzensbrecher, der gleichzeitig Beziehungen zu fünf Frauen unterhält. Als eine seiner „Verlobten“ davon erfährt, informiert sie die anderen vier; gemeinsam planen sie, Bob eine Lektion zu erteilen. Valerio Zurlinis Debüt ist das Porträt einer Generation, die zwischen einem noch ländlichen Italien, das einer überkommenen Moral verhaftet ist, und einem sich modernisierenden Land schwebt. Die Figur des Bob nimmt charakteristische Züge der „ragazzi di vita“ Pasolinis vorweg, die Protagonistinnen schwanken zwischen dem Festhalten an traditionellen Rollen und der Erprobung einer selbstbestimmten Existenz.SERENATA DA UN SOLDO: Der Kurzfilm „erzählt vom Leben der Straßenklavierspieler, meist junge Männer aus Süditalien, die für einen miserablen Lohn von einem zwielichtigen Paar abhängig waren, das etwa 20 alte Klaviere besaß und diese von morgens bis zum Sonnenuntergang durch die Stadt schickte.“ (Valerio Zurlini)
SOLDATI IN CITTÀ: Ein weiteres Mal spielen Militärangehörige eine Hauptrolle in Zurlinis Werk, hier in Friedenszeiten. Die Kamera begleitet einige Soldaten während ihres Freigangs durch die Straßen von Rom.
LA STAZIONE: „Der Film war das allererste Beispiel eines Cinéma vérité und seiner Zeit um viele Jahre voraus. Er wurde innerhalb eines Monats gedreht, stets in den noch düsteren Stunden der Morgendämmerung, und zeigte auf erschreckend authentische Weise die Realität eines Italiens, das sich nicht verändert hat: arme Menschen, die in den Warteräumen der dritten Klasse schliefen, Süditaliener, die auf den Zug warteten, der sie in den Norden bringen sollte, um dort Arbeit zu suchen, und das ganze nackte und verborgene Leben dieses wunderschönen, gerade erst eingeweihten Bahnhofs“ (Stazione Termini in Rom). (Valerio Zurlini)
So, 10.5. & So, 24.5., 20 Uhr
LA RAGAZZA CON LA VALIGIA Girl with a Suitcase
Valerio Zurlini I/F 1961 35 mm ital. OmeU 121′
Aida (Claudia Cardinale), ledige junge Mutter, gibt ihre Stelle als Sängerin und Tänzerin in einem drittklassigen Orchester in Riccione auf, weil ihr reicher Geliebter Marcello verspricht, einen Star aus ihr zu machen. Nach wenigen Tagen langweilt ihn die Affäre und er lässt Aida mit ihrem Koffer stehen. Zu Fuß macht sie sich auf den Weg zum großbürgerlichen Palast der Familie, wo Marcello sich von seinem 16- jährigen Bruder Lorenzo (Jacques Perrin) an der Tür verleugnen lässt. Zwischen Aida und Lorenzo entwickelt sich eine fragile Zuneigung. LA RAGAZZA CON LA VALIGIA ist ein Hauptwerk in Zurlinis Schaffen: ein Film über Einsamkeit, die Situation von Frauen in der Gesellschaft und die Unüberwindbarkeit von Klassenbarrieren.
Di, 12.5. & So 17.5., 20 Uhr
CRONACA FAMILIARE Family Diary
Valerio Zurlini Italien 1962 35 mm ital. OmeU 113′
Der in Armut lebende Schriftsteller Enrico (Marcello Mastroianni) erfährt 1945 vom Tod seines jüngeren Bruders Lorenzo (Jacques Perrin) und versucht, sich sein Wesen in Erinnerung zu rufen, dessen Qualitäten er zu wenig und zu spät geschätzt hat. Lorenzo war nach dem Tod der Mutter bei seiner Geburt von einem reichen Baron adoptiert worden, die unterschiedliche Erziehung hatte die Brüder einander entfremdet. Valerio Zurlinis von Wehmut und gedeckten Farben geprägter, in einem leeren Florenz ohne Sonne spielender Film wurde beim Festival in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. „Nie zuvor und selten danach hat ein Regisseur zwingender mit Blicken und Gesten erzählt, eine Beziehung filmisch visueller und sensibler entwickelt und sich mutiger auf Pathos, Schmerz und Leid eingelassen. In meinen Augen ist CRONACA FAMILIARE einer der verkanntesten Filme der KinoGeschichte und Zurlini ein Regisseur, den man eigentlich in einem Atemzug mit Rosi, Pasolini, Fellini und Antonioni nennen müßte.“ (SZ)
Mi, 13.5. & Mo, 25.5., 20 Uhr
LE SOLDATESSE The Camp Followers
Valerio Zurlini I/F/BRD/YU 1965 DCP ital./griech./dt. OmeU 120′
1942 erhält der italienische Leutnant Martino (Tomás Milián) im besetzten Griechenland den Befehl, 15 Frauen zu Bordellen der italienischen Armee nach Albanien zu eskortieren. Begleitet von einem Sergeant (Mario Adorf) und einem faschistischen Schwarzhemdmajor fährt er mit ihnen durchs Land, erfährt ihre Probleme und ihre Verzweiflung und verliebt sich in die Zwangsprostituierte Eftichia (Marie Laforêt). LE SOLDATESSE ist einer der wenigen Filme im Kino der 60er Jahre, der kritisch Italiens Beteiligung am 2. Weltkrieg thematisiert: Zu Beginn wird an den italienischen Überfall auf Griechenland im Oktober 1940 erinnert und ein Massaker von Schwarzhemden gezeigt. Während das in Jugoslawien gedrehte, nuancierte Werk in der Sowjetunion und in Osteuropa viele Zuschauer*innen fand, wurde der Film westlich des Eisernen Vorhangs kaum gezeigt.
Do, 14.5. & Fr 22.5., 20 Uhr
LA PRIMA NOTTE DI QUIETE Oktober in Rimini
Valerio Zurlini I/F 1972 35 mm ital./franz./engl. OmeU 132′
Der Kunsthistoriker Daniele (Alain Delon) lässt sich ziel- und interessenlos durchs Leben treiben. Wenig motiviert übernimmt er die Vertretung eines erkrankten Kollegen an einem Gymnasium im winterlichen Rimini. Die Begegnung mit der rätselhaften 19-jährigen Schülerin Vanina (Sonia Petrovna) revitalisiert Daniele. Doch beide sind nicht frei, er ist in seiner Ehe an die besitzergreifende Monica (Lea Massari) gebunden, Vanina in eine Beziehung mit einem Playboy verstrickt. Der melancholische Film, geprägt von einem schwermütigen, unrasierten, kettenrauchenden Alain Delon sowie der ausdrucksstarken Präsenz von Sonia Petrovna, kam in Deutschland und Frankreich nur in einer um eine halbe Stunde gekürzten Schnittfassung in die Kinos. 2019 wurde der Film restauriert, doch nur in Frankreich neu im Kino gestartet.
Fr, 15.5. & Mi 20.5., 20 Uhr
SEDUTO ALLA SUA DESTRA Black Jesus
Valerio Zurlini Italien 1968 35 mm ital. OmeU 89′
In einem namenlosen afrikanischen Land wird Maurice Lalubi (Woody Strode), der als Freiheitskämpfer eine gewaltlose Revolution anstrebt, verraten und von weißen Söldnertruppen im Dienst eines einheimischen Tyrannen gefangen genommen. Im Gefängnis teilt er die Zelle mit Oreste (Franco Citti), einem italienischen Kleinkriminellen, der verhaftet und gefoltert wurde, weil er den Aufständischen einen Lastwagen verkauft hat. Oreste erkennt die moralische Größe seines Zellengenossen und pflegt Lalubis Wunden. Ursprünglich als mittellanger Beitrag zum Episodenfilm Amore e rabbia geplant, entschied sich Valerio Zurlini, einen abendfüllenden Film aus dem Evangeliumsstoff zu entwickeln. Der christliche Kommunist Zurlini drehte einen polarisierenden Film über Gewalt und Gnade, mit Anspielungen auf Jesus Christus und Patrice Lumumba, den 1961 ermordeten ersten Ministerpräsidenten des unabhängigen Kongo sowie die Befreiungsbewegungen des globalen Südens in den 60er Jahren.
Sa, 23.5. & Di, 26.5., 20 Uhr
IL DESERTO DEI TARTARI Die Tatarenwüste
Valerio Zurlini I/F/BRD 1976 35 mm ital. OmeU 143′
Der junge Leutnant Drogo (Jacques Perrin) wird in die Festung Bastiano versetzt, einen isolierten Außenposten an der Grenze eines namenlosen Reichs am Rande der Wüste. Die Besatzung ist darauf vorbereitet, einen imaginären Feind zurückzuschlagen. Doch Jahr um Jahr warten Offiziere und Mannschaften vergebens auf die Stunde der Bewährung. Noch nie hat sich der angebliche Feind gezeigt. Die Soldaten füllen die sie umgebende Leere mit Scheinaktivitäten und der strengen Beachtung von Verhaltensritualen aus. Hierarchische Strukturen und starre Traditionen bestimmen die Verhaltensweisen der Männer, in denen Gefühle und Vitalität erstorben scheinen. Valerio Zurlini hat seine Adaption des kafkaesken Romans von Dino Buzzati über soldatisch-militärisches Bewusstsein, die Annahme eines unabänderlichen Schicksals und das Vergehen der Zeit durch österreich-ungarische Uniformen aus der Zeit zwischen 1906 und 1914 zeitlich markiert. Drehort für den stimmungsvollen, stillen Film mit internationaler Starbesetzung war die Festung Bam, eine Lehmzitadelle aus dem 16. Jahrhundert an der iranisch-afghanischen Grenze.
Die Retrospektive wurde von Hans-Joachim Fetzer kuratiert und findet mit Unterstützung des Istituto italiano di Cultura di Berlino statt.
ORT:
Arsenal Filminstitut e.V.
silent green Kulturquartier, Gerichtstr. 35, 13347 Berlin-Wedding
Für weitere Informationen:
https://www.arsenal-berlin.de/